29. April 2026

Regulierung darf nicht auf dem digitalen Auge blind werden

Die Energiewirtschaft reguliert sich derzeit in eine operative Detailtiefe hinein, die selbst erfahrene Marktakteure vor neue Herausforderungen stellt. Ob Netzpaket, EEG, Gebäudemodernisierungsgesetz oder Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz, um nur einige aktuelle Beispiele zu nennen, der regulatorische Rahmen steht vor einer weiteren Verdichtung. Und unter Zeitdruck. Denn die Vorgaben zum Energy Sharing oder für die Marktintegration für Speicher und Ladepunkte, im Bundesnetzagentur-Sprech „Mispel“ genannt, sollten eigentlich in Kürze umgesetzt sein. Ende des Jahres soll zudem die neue Netzentgeltsystematik, kurz Agnes, stehen, die die derzeitige Logik der Netzentgelterhebung völlig neu regelt. Daneben geht die Digitalisierung des Netzes und der Rollout intelligenter Messsysteme weiter bzw. wird ergänzt durch den seit diesem Jahr verpflichtenden Einbau von Steuerungstechnik.

Für kommunale Energieversorger bedeutet das nicht nur neue fachliche Anforderungen, sondern vor allem eines: tiefgreifende Eingriffe in ihre IT- und Prozesslandschaften sowie Datenflüsse. Auffällig dabei wird eine strukturelle Schieflage: Die Regulierung wird immer präziser, aber nicht zwingend digitaler gedacht. Sie definiert Fristen, Formate und Verantwortlichkeiten, aber keine durchgängigen Datenmodelle oder tragfähige IT-Architekturen, die diese umsetzen. Ein zentraler Grund dafür liegt im zeitlichen Horizont politischer Steuerung. Eine Energiestrategie, zumal mit den bedeutenden Infrastrukturmaßnahmen, die digital, um nicht zu sagen zum Teil vollautomatisiert gemanagt werden soll, braucht einen Horizont von mindestens zehn Jahren. Regulatorische Maßnahmen folgen jedoch häufig kurzfristigeren Logiken. Das führt zu einer permanenten Anpassungsschleife, in der neue Anforderungen entstehen, bevor bestehende stabil umgesetzt und digital durchdrungen sind. Für die IT bedeutet das: Reaktion statt Gestaltung.

Gleichzeitig ist die Transformation des Energiesystems fundamental datengetrieben. Dezentrale Erzeugung, flexible Lasten und neue Marktrollen erzeugen enorme Datenmengen. Daten werden damit zu einem zentralen Wertschöpfungsfaktor in der Transformation. Paradoxerweise adressiert die Regulierung zwar Datenflüsse und Formate, aber nicht systematisch die Qualität dieser Daten. Genau hier liegt der eigentliche Engpass. Denn eine schlechte Datenqualität ist die größte Hürde für die Transformation.

Kommunale Energieversorger spüren diese Diskrepanz zunehmend. Die Marktkommunikation entwickelt sich zum kritischen Nervensystem des Geschäfts. Neue Nachrichtentypen, verschärfte Validierungsregeln und eng getaktete Fristen erhöhen die Komplexität erheblich. Gleichzeitig basieren diese Prozesse auf Datenbeständen, die häufig historisch gewachsen, fragmentiert und nicht durchgängig konsistent sind. Fehlerhafte Stammdaten oder unvollständige Bewegungsdaten führen unmittelbar zu Prozessbrüchen, manuellen Nacharbeiten und steigenden Kosten. Datenqualität wird damit nicht nur zu einem technischen, sondern zu einem maßgeblichen betriebswirtschaftlichen Erfolgs- und Zeitfaktor, deren Kosten am Ende die Verbraucherinnen und Verbraucher zahlen.

Die Reaktion vieler EVU ist geprägt von kurzfristigem Handlungsdruck. Regulatorische Anforderungen werden fristgerecht umgesetzt, häufig durch punktuelle Anpassungen. Diese Vorgehensweise sichert kurzfristig die Compliance, erhöht jedoch langfristig die Komplexität der IT-Landschaft. Es entstehen technische Schulden, die Wartbarkeit, Transparenz und Skalierbarkeit zunehmend einschränken. Die IT droht damit vom Enabler zum Engpass der Transformation zu werden.

Damit verändert sich auch die Rolle der IT-Dienstleister grundlegend. Sie sind nicht mehr nur Implementierer, sondern Übersetzer zwischen regulatorischer Logik und digitaler Realität. Ihre Aufgabe besteht zunehmend darin, Komplexität zu strukturieren, Datenflüsse zu stabilisieren und vor allem darin, standardisierbare Lösungen zu entwickeln, während sie selbst konstanten technologie-inhärenten Innovationszyklen unterliegen.

Die größte Bruchlinie verläuft nicht zwischen Regulierung und Markt, sondern zwischen regulatorischem Anspruch und digitaler Umsetzbarkeit. Solange regulatorische Vorgaben primär in fachlichen und juristischen Kategorien gedacht werden, ohne die digitale Realität systematisch einzubeziehen, wird diese Lücke größer. Diese Lücke verursacht nicht zu unterschätzende Kosten für die Endverbraucherinnen und Endverbraucher. Am Ende bleibt eine unbequeme Frage: Wenn Daten der zentrale Wertschöpfungsfaktor der Energiewende sind, warum behandeln wir sie regulatorisch wie ein Nebenprodukt? Scheitert die Transformation nicht an zu wenig Digitalisierung, sondern an einer Regulierung, die ihre eigene digitale Wirkung unterschätzt?

Dr. Constanze Adolf

Stabstellenleiterin Energiewirtschaft: Strategie & Wissen
Constanze Adolf ist Leiterin des Stabsbereichs „Energiewirtschaft: Strategie und Wissen” bei items sowie Autorin, Kolumnistin und Bloggerin. Nach über 16 Jahren Erfahrung in Brüssel, wo sie sich auf EU-Energiepolitik und nachhaltige Finanzstrategien spezialisierte, war sie zunächst in einem Energiespeicher Start-Up für das Business Development verantwortlich, ehe sie in mehreren Kommunikationsagenturen die Bereiche Energie und EU Affairs aufbaute. Ihr Ziel ist es, mit dem Stabsbereich die energiewirtschaftliche Komplexität auf den Punkt zu bringen und eine Brücke für praxisnahe IT-Lösungen für die items intern und unsere KundInnen zu bauen. Dafür schafft das Team Transparenz, sichert Wissen, antizipiert gesetzliche Neuerungen, bietet Beratungen und unterstützt bei der Entwicklung von unternehmensübergreifenden Lösungen.