Menschen untersuchen Technik
10. April 2026

Warum der Rollout intelligente Messsysteme nicht an der Uhr, sondern an der Kette scheitert

(31.03.2026)

Im März 2026 hat die Bundesnetzagentur angekündigt, Verfahren gegen 77 Messstellenbetreiber zu eröffnen, weil sie den Rollout intelligenter Messsysteme nicht einmal gestartet haben. In der Konsequenz könnte dies Zwangsgelder für die betroffenen Unternehmen bedeuten. Schließlich hätten sie bis Ende des letzten Jahres 20 Prozent ihrer Pflichteinbaufälle ausstatten sollen. Aus Sicht der Aufsichtsbehörde ist das ein logisches Vorgehen. Aus Sicht vieler kleiner und kommunaler Messstellenbetreiber ist es Druck auf ein System, das ohnehin unter Spannung steht. Der Rollout ist nicht langsam, weil niemand seine Bedeutung verstanden hätte. Er ist langsam, weil er in Deutschland kein normales Infrastrukturprojekt ist.

Der Rollout ist hochreguliert – und genau das bremst Skalierung

Ein intelligentes Messsystem, ist hierzulande kein digitaler Zähler mit Funk, sondern ein streng abgesichertes Gesamtsystem aus Hardware, sicherer Kommunikation und Rollen. IT‑Sicherheit nach Vorgaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Datenschutz, Interoperabilität, Update‑Regime, dokumentierter Betrieb: Dies ist alles wichtig, hat aber einen Preis. Denn all diese Anforderungen erzeugen erhebliche Fixkosten. Damit entsteht ein struktureller Gegensatz: Kleine Unternehmen haben zu wenig Volumen, um diese Fixkosten wirtschaftlich zu tragen, große Unternehmen haben zwar Skalenvorteile, aber kämpfen oft mit historisch gewachsenen Datenwelten. Wer klein ist, scheitert eher am „Betriebsmodell“, wer groß ist, scheitert häufiger an Datenqualität und Datenkonsistenz über Netz, Vertrieb und Messstellenbetrieb hinweg.

Quoten regeln Output – aber nicht die Engpässe

Die Bundesnetzagentur misst, ob Pflichteinbauten als Quote, also als ein Maß für den Output umgesetzt werden. Eine Quote erklärt allerdings nicht, warum es hängt: Terminierung beim Kunden, Monteurkapazität, Prozessautomation, Stammdaten, Störungsmanagement, fehlende Routine in der Gateway‑Administration. Und Kennzahlen haben Nebenwirkungen: Wenn optionale Einbaufälle die Statistik verbessern, wird schnell die Quote optimiert, statt die Kette stabilisiert. Das ist kein moralischer Vorwurf, es ist die Logik von Metriken.

Dabei bleibt ein essenzieller Erfolgsparameter bisher vollkommen außer Acht: Selbst, wenn die Prozesskette funktionsfähig etabliert ist, heißt es noch lange nicht, dass ein intelligentes Messsystem auch eine sichere WAN-Kommunikation herstellen kann, sprich, ob es überhaupt seine Basisfunktion erfüllen kann: nämlich Messdaten verlässlich zu übertragen oder gar in eine Steuerungskette integriert zu sein.

Warum der Steuerungsrollout noch fragiler ist als der Smart‑Meter‑Rollout

Spätestens mit Einführung der netzorientierten Steuerung 2028 wird klar: Das eigentliche Problem ist nicht der einzelne Zähler, sondern die Steuerkette. In einem derartigen Mehrrollen‑System kann jeder für sich formal „compliant“ sein. Trotzdem scheitert das End‑to‑End‑Ergebnis, wenn Zuständigkeiten, Schnittstellen und Zuordnungen nicht passen.

Hier wird Datenqualität zur Sollbruchstelle. Denn netzorientiertes Steuern ist nur so gut wie die Daten, auf denen es beruht: Welche Anlage hängt an welchem Anschluss? Welches Steuerobjekt ist welcher Messlokation zugeordnet? Kommt eine Rückmeldung, dass ein Eingriff wirksam war?

Der unterschätzte Hebel: Digitalisierung von Ortsnetzstationen als „Netzsicht‑Anker“

Wenn die Daten aus intelligenten Messsystemen nicht flächendeckend, nicht zeitnah oder nicht zuverlässig genug verfügbar sind, entsteht für den Netzbetrieb ein Problem: Netzorientierte Entscheidungen lassen sich dann nur eingeschränkt datenbasiert begründen und steuern. Genau hier kann die Digitalisierung von Ortsnetzstationen helfen – nicht als Ersatz für intelligente Messsysteme, sondern als netzseitige, robuste Datenbasis, die unabhängig vom Rolloutgrad beim Kunden funktioniert.

Digitalisierte Ortsnetzstationen liefern Messwerte und Ereignisse dort, wo es für die Netzführung zählt. Das ist die Grundlage, um Schwachstellen nicht mehr aus Beschwerden und Bauchgefühl abzuleiten, sondern aus der Betriebslage: Welche Stationen laufen regelmäßig in die Überlast? Wo kippt die Spannung bei PV‑Spitzen? Wo zeigen sich Unwuchten durch einseitige Ladeinfrastruktur? Damit wird Steuerung zielgenauer und begründbarer: Statt pauschal irgendwo einzugreifen, lässt sich dort steuern, wo eine Station oder ein Abgang tatsächlich an Grenzen läuft.

Für kommunale Energieunternehmen ist das die unbequeme, aber produktive Konsequenz: Steuerbarkeit ist kein IT‑Projekt, sondern Betriebsfähigkeit. Und parallel gilt: Netzsicht muss nicht warten, bis Millionen intelligente Messsysteme perfekt liefern. Eine gestufte Strategie scheint realistischer, um erst Transparenz durch digitalisierte Ortsnetzstationen zu schaffen, dann Analytik und Schwachstellenmanagement zu etablieren um schließlich gezielte operative Steuerfähigkeit, gekoppelt mit dem intelligenten Messsystem und Steuerbox‑Ausbau herzustellen.

Sichtbarkeit des Netzes: vom „Blindflug“ zur Betriebsdatenlage

Es wäre wünschenswert, wenn sich politische EntscheidungsträgerInnen, die in der zweiten Jahreshälfte das Messstellenbetriebsgesetz novellieren wollen, die Frage stellen: Wollen wir intelligente Messsysteme weiter als Pflichtquote verwalten oder endlich als Teil einer netzführungsfesten Daten‑ und Steuerkette betreiben? [CA]

Dr. Constanze Adolf

Stabstellenleiterin Energiewirtschaft: Strategie & Wissen
Constanze Adolf ist Leiterin des Stabsbereichs „Energiewirtschaft: Strategie und Wissen” bei items sowie Autorin, Kolumnistin und Bloggerin. Nach über 16 Jahren Erfahrung in Brüssel, wo sie sich auf EU-Energiepolitik und nachhaltige Finanzstrategien spezialisierte, war sie zunächst in einem Energiespeicher Start-Up für das Business Development verantwortlich, ehe sie in mehreren Kommunikationsagenturen die Bereiche Energie und EU Affairs aufbaute. Ihr Ziel ist es, mit dem Stabsbereich die energiewirtschaftliche Komplexität auf den Punkt zu bringen und eine Brücke für praxisnahe IT-Lösungen für die items intern und unsere KundInnen zu bauen. Dafür schafft das Team Transparenz, sichert Wissen, antizipiert gesetzliche Neuerungen, bietet Beratungen und unterstützt bei der Entwicklung von unternehmensübergreifenden Lösungen.